Volkstrauertag 2021

    -Es gilt das gesprochene Wort-

    Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
    meine sehr verehrten Damen und Herren, 

    die andauernde Corona Pandemie soll uns nicht davon abhalten am heutigen Volkstrauertag gemeinsam an die Opfer von Krieg und Gewalt zu erinnern und gleichzeitig zur Versöhnung, Verständigung und Frieden zu mahnen. Auch wenn wir in diesem Jahr leider auf die musikalische und gesangliche Umrahmung dieser Veranstaltung verzichten müssen. 

    Seit 1945 wird am Volkstrauertag aller Opfer des Krieges gedacht. So treten neben die toten Soldaten auch Frauen, Kinder und Männer, die zu Opfern von Krieg, Gewalt und Verfolgung wurden. 

    Von Anfang an riefen die Bundespräsidenten dazu auf, auch an die Opfer der Diktaturen zu erinnern, an Menschen, die aus politischen, religiösen oder sogenannten rassischen Gründen verfolgt worden waren oder werden. 

    Das Gedenken an die beiden großen Kriege des 20. Jahrhunderts und ihre zahllosen Opfer ist in Europa zur Tradition geworden, mehr noch, zu einer humanitären Verpflichtung, der wir uns nicht entziehen dürfen. Es handelt sich nicht um leere Rituale, sondern um einen integralen Bestandteil unseres Lebens, unseres Seins, denn erst das gelebte Bekenntnis zur Vergangenheit macht uns zu dem, was wir sind. Das gilt auch und vor allem für die dunklen Seiten der Geschichte. 

    Wir können sie nicht abstreifen und vergessen oder gar verdrängen – das würde bedeuten, unsere eigenen Wurzeln abzuschneiden. 

    Heute erinnern wir an die Toten, die Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus unserer Zeit gefordert haben. Mehr als 55 Millionen Menschen sind während des Zweiten Weltkrieges gestorben. Gefallen an der Front, ermordet in Konzentrationslagern, verbrannt in Bombennächten, gestorben an Hunger, Kälte und Gewalt auf der großen Flucht.

    Wir dürfen in unserem Land seit nunmehr mehr als 75 Jahren in Frieden leben – auch über dreißig Jahre im wiedervereinten Deutschland -  das ist ein unschätzbares Glück, für das wir alle sehr dankbar sein sollten. Doch überall auf der Welt gibt es auch heute noch Krieg und Gewalt.

    Millionen Menschen sind auf der Flucht und auch heute noch werden Menschen wegen ihrer Herkunft oder ihrer Religion getötet.

    Betrachtet man die Geschichte hat ein Krieg einen festen Rahmen aus Jahreszahlen z. B. 1939 bis 1945. Aus dem Rückblick ergibt das die beruhigende Gewissheit: In diesem zeithistorischen Kasten steckt der Krieg. 

    Danach kam der Frieden, in dem wir, in westlichen Demokratien, gut leben. Frieden ist jedoch nicht selbstverständlich. Die Überwindung von Nationalismus und Rassismus, von Hass und Intoleranz, von Unterdrückung und Verfolgung braucht Mut und Ausdauer. In Böhl-Iggelheim genießen wir heute ein Leben in Frieden und Freiheit, mitten in einem vereinten Europa. Doch damals, im Inneren des Kastens, kannte niemand dessen Dimension. Der Krieg tobte global, sein letzter Tag lag im Irgendwann einer ungewissen Zukunft.

    In unserem Sprachgebrauch sprechen wir von „Kriegsende“, dies ist ein tröstliches Wort. Der Krieg ist also an sein Ende gekommen, fast als sei er eine Art Jahreszeit gewesen. Wie ein Naturereignis beschreibt unsere Sprache seinen Anfang: „Der Krieg bricht aus“. Die Sprache verkleidet, was alle besser wissen: Kein Krieg bricht aus wie ein Vulkan.

    Menschen verantworten diese Kriege. Kriege, die hoffentlich, an einem Tag im Irgendwann einer ungewissen Zukunft, enden – als Voraussetzung für eine „Stunde null“, in der der Schutt fortgeräumt wird, um die Städte wiederaufzubauen.

    17 Millionen Tote des Ersten Weltkrieges und 55 Millionen Tote des Zweiten Weltkrieges sind das furchtbare Ergebnis von Nationalismus, Diktatur und Völkermord. Die Kriegsgräber und Gedenkstätten für die Toten und Vermissten sind Orte der Trauer und Erinnerungen. Sie mahnen uns zu Verständigung, Versöhnung und Frieden. 

    Es gibt in Europa zahllose Stätten, die an die Grausamkeit und Zerstörungen der Kriege erinnern, an blutige Schlachten, aber auch an den Holocaust und die Verbrechen an Kriegsgefangenen und Angehörigen von Minderheiten. 

    Viele Erinnerungsorte und Gedenkstätten sind heute leider aus unseren Blicken verschwunden. Sie wurden überwuchert von Gras, Büschen und Bäumen. Oft sollten diese Örtlichkeiten ganz bewusst zum Verschwinden gebracht werden, indem Wälder über ihnen gepflanzt oder Straßen und Siedlungen errichtet wurden, um die Spuren der Massaker zu verdecken. 

    Umso wichtiger ist es, in Gedenkfeiern, wie beispielsweise dem heutigen Volkstrauertag, nicht nur an die gefallenen Soldaten zu erinnern, sondern auch an die Menschen, die jahrelang an den Rand gedrängt und verschwiegen wurden. 

    In diesem Zusammenhang müssen wir auch jener Menschen gedenken, die heldenhaft Widerstand geleistet und dafür mit ihrem Leben bezahlt haben. Sie wurden viel zu lang verschwiegen. 

    Es gibt keinen Grund, den Krieg zu verherrlichen. Das gilt für die beiden großen Kriege ebenso wie für die zahlreichen bewaffneten Auseinandersetzungen, die Europa bis heute erschüttern. 

    Am heutigen Volkstrauertag wird uns allen in besonderer Weise bewusst, dass Kriege nach wie vor das menschliche Leben bestimmen.

    In vielen Gegenden herrscht Gewalt und die Menschen flüchten aus Ihrer Heimat und müssen um Ihr Leben bangen. 

    In dieser besonderen Zeit möchten wir am Volkstrauertag auch einer besonderen Gruppe von Menschen gedenken. Alle Völker der Welt trauern um die vielen Menschen, die am Coronavirus erkrankt und verstorben sind. 

    Viele wichtige Maßnahmen wurden umgesetzt, um uns vor diesem Virus zu schützen. Leider erreichte diese furchtbare Pandemie eine Dynamik, die auch wir im Rhein-Pfalz-Kreis mit voller Wucht zu spüren bekamen. Auch in unserer Gemeinde sind mehrere Bürger an dem Coronavirus verstorben. Wir trauern mit allen Angehörigen von jedem einzelnen von ihnen.

    Und selbstverständlich trauern wir auch mit allen Menschen, die Abschied nehmen mussten von geliebten Angehörigen.

    Doch kommen wir zurück zum eigentlichen Anlass dieser Gedenkfeier – der Trauer um die unzähligen Opfer der Weltkriege. 

    Erinnerung braucht Menschen, die sich erinnern. Das ist wichtig, denn die Zeitzeugen, die uns noch von Kriegszeiten berichten können, werden von Tag zu Tag weniger.  

    Friede, Freiheit, Achtung der Menschenrechte sind nicht selbstverständlich. Diese Werte müssen errungen und bewahrt werden – immer und überall. 

    Unser Gedenken an den Krieg und seine Opfer ist stets verbunden mit dem Kampf um die Demokratie. Die Vergangenheit hat uns gelehrt, wie schnell es geht, die Demokratie für veraltet zu erklären und am Ende ganz abzuschaffen. 

    Das dürfen wir nicht zulassen, dagegen müssen wir uns mit allen Mitteln wehren, wenn wir uns die Freiheit bewahren wollen.

    Mehr denn je ist es wichtig, dass wir die Tradition des Volkstrauertages fortsetzen. Es kommt darauf an, alle Generationen mit einzubeziehen, um gemeinsam zu gedenken, zu trauern und das Vergangene zu reflektieren. 

    Wir nehmen unsere Demokratie, unsere Freiheit, die lange Friedenszeit oft als etwas ganz Selbstverständliches hin. Doch wenn wir bedenken, wie viel Unrecht und Unterdrückung, wie viel Kriege und Gewalt die Generationen vor uns erleben mussten oder viele Menschen noch heute erleben müssen, dann wird unser Blick wieder dafür geschärft, wie wertvoll es ist in einer rechtsstaatlichen, in einer demokratischen Gesellschaft leben zu dürfen.


    Wir bleiben den Verstorbenen verbunden in der dauerhaften Verpflichtung für Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit. Und dies wollen wir für uns im Herzen bewahren, wenn wir heute zusammen den Volkstrauertag begehen. 

    Wir wollen jedoch nicht nur Trauern, sondern auch Trost, Mut und neue Hoffnung schöpfen. Hoffnung, dass es uns gelingt, gemeinsam eine Welt zu schaffen, in der Konflikte nicht mehr mit Gewalt ausgetragen werden und alle Menschen unterschiedlicher Herkunft, Rasse und Anschauung friedlich nebeneinander leben. 

    Einige wichtige Schritte zu einem friedvollen Miteinander wurden bereits unternommen. So hat zum Beispiel das Internationale Strafrecht seit den Nürnberger Prozessen enorme Fortschritte gemacht.

    Allem Populismus zum Trotz existieren mehr Demokratien als je zuvor und auf den Grundsatz der Menschenrechte der Vereinten Nationen berufen sich Milliarden Menschen, wenngleich dieser Grundsatz, gemessen an der Geschichte, noch unglaublich jung ist. 

    Auch die Corona-Krise hat uns dargestellt, wie stark weltweite Anstrengungen für menschliche Zwecke wirken können. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben uns gezeigt, dass das Virus kein Feind ist, es ist nichts als ein genetisches Programmpartikel, das sich vermehrt. Auf allen Kontinenten werden Erkenntnisse ausgetauscht, man freut sich an Fortschritten und sucht gemeinsam nach Impfung und Heilung. 

    Die Menschheit kann sich selbst der ärgste Feind sein, wie in der von Deutschland initiierten Grausamkeit zwischen 1933 und 1945. Die Menschheit kann aber auch zur Freundschaft mit sich selber finden, sich mit sich selber anfreunden. Vielleicht gibt auch und gerade die Corona-Pandemie uns dazu jetzt eine Riesenchance. 

    Lassen Sie uns weiterhin die Freiheit bewahren und für ein friedvolles Miteinander und für die Demokratie kämpfen. 

    Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, lassen Sie uns nun gemeinsam an all diejenigen denken, die diese schrecklichen Zeiten erlebt haben oder erleben, gedenken wir gemeinsam den Toten: Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker. 

    Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren. 

    Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde. 

    Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten. 

    Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

    Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt Opfer geworden sind. 

    Wir gedenken der Opfer von Terrorismus und Extremismus, Antisemitismus und Rassismus in unserem Land. 

    Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten und teilen ihren Schmerz. 

    Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.

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